Deutschland gegen Schweiz in Heidelberg

Wie Harald Hees, der Präsident des Deutschen Rugby-Verbandes (DRV), am 5. Dezember 2019 mitteilte, wird das Europameisterschaftsspiel zwischen Deutschland und der Schweiz am Samstag, den 29. Februar 2020, um 15 Uhr im städtischen Rugbystadion Fritz-Grunebaum-Sportpark in 69124 Heidelberg-Kirchheim, Harbigweg 9 ausgetragen. Die Organisationsleitung liegt in den Händen des Rugby-Verbandes Baden-Württemberg (RBW).

Auf ein erfolgreiches Jahr 2020 hofft Pierre Mathurin, der kampfstarke Gedrängehalb der deutschen Rugby-Nationalmannschaft. Foto: Jürgen Keßler
Rugby-Laenderspiel zwischen Deutschland und Niederlande am 23.11.2019 in Heidelberg. Pierre Mathurin (Deutschland, 9).

Hohe Niederlage gegen die Niederlande

Im zweiten Saisonspiel der Rugby-Europameisterschaft hat die deutsche Nationalmannschaft am Samstag in Heidelberg eine 7:37 (7:10)-Niederlage gegen die Niederlande erlitten, die Tabellenführer in der Division 2 sind, während die Schützlinge der Trainer Mark Kuhlmann (Heilbronn), Alexander Widiker und Lars Eckert (Heidelberg) auf Platz vier rangieren und nach Polens 23:20-Sieg in der Schweiz von den verbleibenden drei Spielen zwei gewinnen müsste, um sicher in dieser Liga zu bleiben.

Die 2731 Zuschauer im Fritz-Grunebaum-Sportpark, darunter viele fröhliche Lebenspartnerinnen und Eltern der ganz klar besseren Oranje Boven, waren von der Leistung der neu formierten deutschen Fünfzehn enttäuscht, die nicht an die gute Vorstellung vom 35:15-Sieg in Lodz gegen Polen anknüpfen konnte – weil es die kampfstarken und im Sturm auch körperlich deutlich überlegenen Niederländer einfach nicht zuließen. Als Beispiel der Omnipräsenz der Gästestürmer kann der früher beim SC Neuenheim herausragende Kapitän Dirk Danen gelten. Der 30-jährige Flanker aus Hilversum war bis zu seiner erschöpfungsbedingten Auswechslung in der 70. Minute an jedem Einzel- oder Gruppenkampf auf dem ganzen großen Spielfeld beteiligt und feuerte seine Mitspieler pausenlos an.

Der Sturm der Niederländer, in dem die erste und zweite Reihe, wie im Vorfeld von Mark Kuhlmann befürchtet, eine starke Einheit bildeten und außer Danen auch die Dritte-Reihe-Stürmer Wolf van Dijk und Kevin Krieger immer wieder auffielen, war ein kräftiger Herbststurm, dem die Deutschen nur ein laues Lüftchen entgegensetzen konnten. Man darf gewiss keinem deutschen Spieler den besten Willen und große Kampfbereitschaft absprechen, doch im Zwischenzeugnis nach dem zweiten EM-Match würde allenfalls Willy Brandts Grabstein-Inschrift stehen können: „Man hat sich bemüht.“

Schon in der ersten Halbzeit hatten meistens die Niederländer den Ball und gingen nach zehn Minuten und einem krassen Verteidigungsfehler der deutschen Dreiviertelreihe durch einen Versuch des Außensprinters Jordy Hop und die Erhöhung des sehr sicheren David Weersma mit 0:7 in Führung. In dieser Aktion zog sich der deutsche Spielmacher und Kicker Nikolai Klewinghaus eine Oberschenkelzerrung zu und musste vom Feld, wenig später folgte Sturmpfeiler Antony Dickinson mit einer Schulterverletzung.

Trotz dieser Schwächung glichen Hakler Mark Fairhurst mit einem Versuch nach kräftigem Push der Stürmer und Niklas Hohl mit einer Erhöhung zum 7:7 (20.) aus. Obwohl das angeordnete Gedränge rückwärts ging, das Kickspiel ein Desaster war und selbst keine raumgreifenden Gassenkicks gelingen wollten, war der 7:10-Halbzeitrückstand schmeichelhaft.

Nach dem Seitenwechsel hatte die deutsche Mannschaft nach guten Durchbrüchen von Nicolas Rinklin, Luke Wakefield und Pierre Mathurin drei große Chancen zu weiteren Versuchen, doch jedes Mal fehlte der Anschluss der Kameraden, denen zu früh die Puste ausging.

Stattdessen verwandelte Weersma zwei Abseits-Straftritte zum 7:16 (55., 62.), ehe Jasey van Kampen einfach mal geradeaus lief – an allen Deutschen vorbei und unter die Goalstangen, was mit Weersmas Erhöhung zum 7:23 die Entscheidung war. Dass in den letzten acht Minuten noch 14 Gegenpunkte fielen, war ärgerlich und auch der Tatsache geschuldet, dass die überlastete deutsche Mannschaft zwei Zeitstrafen erhielt. Samy Füchsels 48. Länderpiel war nach 74 Minuten zu Ende, Marcel Henn durfte eine Minute vor dem Schlusspfiff duschen gehen.

Umzingelt: Für Luke Wakefield und die deutschen Dreiviertelspieler gab es gegen die aufmerksam verteidigenden Niederländer kein Durchkommen. Foto: F&S
Umzingelt: Für Luke Wakefield und die deutschen Dreiviertelspieler gab es gegen die aufmerksam verteidigenden Niederländer kein Durchkommen. Foto: F&S

Im Deutschen Rugby-Verband wird nun eine Phase intensiven Nachdenkens einsetzen. Sollte man bei der Überzeugung bleiben, auch weiterhin auf die sieben Frankreich-Profis zu verzichten, wäre die EM-Division 3 sehr nahe. Die Niederlande hatten alle „Legionäre“ dabei.

Deutschland – Niederlande in Heidelberg 7:37 (7:10), Deutschland: Niklas Hohl (Heidelberger RK) – Jarrod Saul (Hannover 78), Pascal Fischer (Hannover 78), Luke Wakefield (SC Neuenheim), Felix Lammers (HRK, 80. Anton Gleitze/Berliner RC) – Nikolai Klewinghaus (TSV Handschuhsheim, 15. maximilian Kopp/Hannover 78), Pierre Mathurin (HRK) – Marcel Henn (Handschuhsheim), Nicolas Rinklin (SCN, 64. Emil Rupf/Frankfurt), Johannes Schreieck (RG Heidelberg) – Robert Lehmann (SCN), Hassan Rayan (SC Frankfurt 1880) – Antony Dickinson (RGH, 20. Samy Füchsel/Frankfurt), Mark Fairhurst (Handschuhsheim, 73. Kelvin de Bruyn/SG Pforzheim), Jörn Schröder (Kapitän/HRK, 66. Paul Schüle/Handschuhsheim).

Niederlande: Joshua Gascoigne (RC Hilversum) – Siem Noorman (Diok Leiden), Eugene Koning (RC t’Gooi), David Weersma (Aparejadores Burgos), Jordy Hop (RC Eemland) – Jasey van Kampen (AS Fleurance, 70. Storm Carroll/RC The Bassets), Benjamin Garcia (Diok Leiden, 73. Tony Hoogenboom/Castricum RC) – Wolf van Dijk (Diok Leiden, 66. Blake Nightingale/RC The Bassets), Kevin Krieger (AS Fleurance), Dirk Danen (Kapitän/RC Hilversum, 70. Huibrecht van Vliet/RC t’Gooi) – Mark Wokke (Castricum RC), Koen Bloemen (US Bourg-en-Bresse) – Jacob Northcott (RC t’Gooi, 59. Tom Altinck/Diok Leiden), Mark Darlington (Maidenhead RFC, 51. Ross Bennie-Coulson/Diok Leiden), Hugo Langelaan (RC Eemland, 59. Jake Stamenkovic/Diok Leiden).

Schiedsrichter: Inigo Atorrasagasti (Spanien); Match Commissioner: Johnny Meersman (Belgien); Zuschauer im Fritz-Grunebaum-Sportpark: 2731; Punkte: 0:7 (10.) Versuch van Kampen + Erhöhung Weersma; 7:7 (15.) V Fairhurst + E Hohl; 7:10 (20.) Straftritt Weersma; 7:13, 7:16 (55., 62.) S Weersma; 7.23 (65.) V van Kampen + E Weersma; 7:30 (78.) V Hop + E Weersma; 7:37 (80.) Strafversuch; Zeitstrafen: Füchsel (74.), Henn (80.)/-.

Kickstatistik: Hohl 2 Kicks, 1 Treffer = 50 % und 2 Punkte. – Weersma 7 Kicks, 6 Treffer = 85,7 % und 15 Punkte.                                                                        CPB

Kuhlmann sagt: „Wir brauchen einen klugen Plan“

Mark Kuhlmann, der 50-jährige Leiter einer Vertriebseinheit der MLP AG, ist Interims-Bundestrainer der deutschen Rugby-Nationalmannschaft, die am Samstag um 14.30 Uhr im Heidelberger Fritz-Grunebaum-Sportpark in der Europameisterschafts-Division 2 den Tabellenführer Niederlande empfängt. Mark Kuhlmann hat 48 Länderspiele bestritten und mit dem DRC Hannover sieben deutsche Meisterschaften und drei deutsche Pokalsiege errungen. Er lebt seit Jahren in Heilbronn und ist Bundesliga-Trainer des TSV Handschuhsheim.

Mark Kuhlmann
Mark Kuhlmann

Herr Kuhlmann, die deutsche Mannschaft ist mit einem 35:15-Sieg in Lodz gegen Polen in die EM-Saison 2019/20 gestartet. Hatten Sie das so geplant?

Ich kannte die Polen aus eigenem Erleben, als sie uns immer ein ganz harter Gegner waren, und von Video-Aufzeichnungen. Deshalb sagte ich vor dem Spiel, dass ich auch mit einer knappen Niederlage leben könne.

Mit diesem Sieg lebt es sich aber sicher besser…

Ja, klar, wir haben nicht mehr so viel Druck. Unser neu formiertes Team hat in Lodz schon erstaunlich gut funktioniert, wir haben nur wenige Spielfehler gemacht. Jeder Spieler hat sich sehr viel Mühe gegeben, und darauf kommt es uns an. Die Stimmung ist prächtig, wir haben keinen faulen Apfel im Korb. Jeder kämpft für jeden. Wir bauen auf die Spieler der Bundesliga-Vereine, denn das Niveau der deutschen Bundesliga ist nicht schlecht.

Sie verzichten also weiterhin freiwillig auf jene sechs Spieler, die in den zweiten und dritten französischen Ligen sehr gute Leistungen zeigen? Julius Nostadt beispielsweise spielt in Aurillac und war in der vorletzten Woche Frankreichs bester Zweitliga-Spieler.

Ich habe diese Spieler im Blick und schätze ihre Qualitäten. Wir sind mit ihnen in Kontakt. Eric Marks aus Vannes hätten wir gerne gegen die Niederlande spielen lassen, weil er ein sehr, sehr guter Zweite-Reihe-Stürmer ist. Sein Vereinstrainer hat es ihm aber nicht erlaubt, weil sie ein wichtiges Punktspiel haben. Wir können nur die Spieler nominieren, die für Deutschland spielen wollen und für Deutschland spielen dürfen. Dessen sind wir uns bei den 28 Akteuren, die wir in den Kader für das Niederlande-Spiel berufen haben, vollkommen sicher.

Welches Ziel hat die Mannschaft nach dem Sieg in Polen?

Vor Saisonbeginn galt: Den Abstieg aus der Division 1 verdauen, neu aufbauen und auf den Klassenverbleib hinarbeiten. Nun sage ich: Den Klassenerhalt müssten wir schaffen können, weil auch die Schweiz und Litauen keine unüberwindlichen Hürden sind. Das Spiel in der Ukraine ist schwer. Und die Niederländer sind nicht zu Unrecht Tabellenführer. Sie haben eine sehr gute Fünfzehn.

Was sind deren Stärken?

Sie sind über Jahre eingespielt, etliche Spieler sind nahe an ihrem Leistungszenit. Die Stürmer der ersten und zweiten Reihe bilden eine starke Einheit, sie könnten uns Probleme bereiten. Und sie haben eine schnelle und trickreiche Dreiviertelreihe mit einem überragenden Schlussmann. Kapitän Dirk Danen kenne ich sehr gut, denn er war einer meiner besten Stürmer, als ich den SC Neuenheim trainiert hatte.

Welche Perspektiven sehen Sie mittelfristig für Ihre Nationalmannschaft?

Wir sollten in der EM-Division 2 unter die ersten Zwei kommen und in ein, zwei Jahren ernsthaft um den Aufstieg in die Division 1 spielen können. Dazu müssten wir einen riesigen Sprung machen. Wir müssen in den nächsten Wochen einen klugen Plan entwickeln und prüfen, was wir kurz- und mittelfristig finanzieren und umsetzen können. Wir sollten es vermeiden, zu einer Fahrstuhlmannschaft zwischen den Divisionen eins und zwei zu werden.

Sie haben dem Deutschen Rugby-Verband (DRV) für die Spiele in Polen und gegen die Niederlande Ihr Ja-Wort gegeben. Wie geht es ab Samstag für Sie und Ihre Co-Trainer Alexander Widiker und Lars Eckert weiter?

Das ist noch nicht besprochen und noch nicht entschieden. Wir brauchen, wie gesagt, zuerst einen klugen Aktionsplan, der es uns erlaubt, regelmäßig mit den besten Spielern zu arbeiten. Ich kann aber sagen: Die Arbeit macht uns Spaß.

Interview: CPB, Foto: F&S